Das Ziel ist das Ziel – der Weg muss flexibel bleiben: Was wir von Extremsportlern und ihrem Risikomanagement lernen
Shownotes
Was haben ein fliegendes Zelt, ein unfolgsamer Husky und die nördlichste Ski-Abfahrt der Welt gemeinsam? Sie sind Teil der Biografie des österreichischen Freeriders Matthias Mayr, der im KFV-Podcast-Talk mit Sabine und Christian aus dem Nähkästchen plaudert. Was ist beim Sport wichtiger: Talent oder Training? Warum ist Sicherheit nicht verhandelbar? Welche Rolle spielt die Angst? Aus welchen Fehlern hat der Extremsportler gelernt? Überzeugen Sie sich selbst, dass sich Abenteuerlust und Sicherheitsbewusstsein nicht ausschließen. Das KFV-Podcast-Team sagt Dankeschön für Ihre Treue. Ein frohes Fest und ein gesundes neues Jahr!
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Matthias Mayer: Ich sage immer, das Ziel ist das Ziel. Und beim Ziel kann man einfach keine Kompromisse eingehen. Wenn man was erreichen will, dann muss man an dem festhalten, aber der Weg dorthin kann sehr wohl immer wieder anders ausschauen bzw. adaptierbar sein. Vor allem bei Zielen, die so gesteckt sind, dass man den Weg dorthin gar nicht kennt. Also ich bin nicht der Verfechter von „der Weg ist das Ziel“, sondern es ist schon das Ziel das Ziel. Der Weg ist mir relativ egal.
Sabine Kaulich: Dieser persönlichen Devise folgend hat der österreichische Extremsportler Matthias Mayer gemeinsam mit seinem Partner Matthias Haunholder die nördlichste Skiabfahrt der Welt bezwungen. 800 Kilometer südlich des Polarkreises.
Christian Kräutler: Ja und das bei Extremtemperaturen von minus 30 Grad Celsius. Auch wenn Abenteuer wie diese nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen sind für alle, die Einstellung dieser beiden Extremsportler zum Thema Sicherheit ist es wirklich sehr wohl. Warum? Das werden wir Ihnen beim heutigen Podcast ausloten.
Sabine Kaulich: Wir sprechen heute mit Matthias Maier, dessen Intro Sie ja gerade bereits gehört haben.
Christian Kräutler: Ja und was sagt er? Er sagt, ich will vom Freeriden leben. Das hat er ja gemacht, aber er will nicht daran sterben. Es wird also spannend, bleiben Sie dran!
Catharina Ballan: Sicher ist sicher, der Vordenker*innen Podcast des KFV. Episode 34: Das Ziel ist das Ziel, der Weg muss flexibel bleiben. Was wir von Extremsportlern und ihrem Risikomanagement lernen können.
Sabine Kaulich: Liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich willkommen bei unserer Dezemberfolge von Sicher ist sicher.
Christian Kräutler: Ja, per Zuschaltung in unserem Podcaststudio begrüßen wir heute den österreichischen Sportwissenschaftler und Free-Skier Matthias Mayer. Hallo Matthias, danke, dass du heute bei uns dabei bist.
Matthias Mayer: Servus, danke für die Einladung.
Christian Kräutler: Wo bist du eigentlich? Also irgendwo zwischen Kamtschatka, Kanada, Alaska, würde ich glauben.
Matthias Mayer: Ja, das passt eh. Österreich ist eh genau dazwischen. Ich bin bisschen außerhalb von Salzburg momentan, bei mir zu Hause. Ich war gerade letzte Woche auf den Kanaren, zum Surfen mit der ganzen Familie, aber jetzt bin ich wieder da.
Sabine Kaulich: Sehr gut. Matthias, also kurz ein bisschen zur Vorstellung für unsere Zuhörer*innen, also du bist 1981 in Wien geboren, hast dann in Niederösterreich eigentlich deine ganze Jugend verbracht und bist dann eigentlich erst als Erwachsener nach Salzburg übersiedelt, also eigentlich kann man sagen, du bist ein gebürtiger Flachländer. Ja, aber du gehst einer Passion nach, die dir dahingehend jetzt nicht wirklich in die Wiege gelegt wurde. Du bist Extremsportler, du bist Free-Skier. Zwei Fragen hätte ich da. Was genau bedeutet Free-Skiing und wie wird man Free-Skier? Ja und die zweite Frage, ist das immer schon ein Kindheitstraum von dir gewesen, oder gab es da irgendein Schlüsselerlebnis, dass du gesagt hast, genau das will ich machen?
Matthias Mayer: Also die erste Frage, was Frie-Skiing ist, das ist eigentlich ganz einfach zu beantworten. Das ist Schifahren abseits präparierter Pisten, hat es dadurch schon lange vor dem normalen Pistenskifahren gegeben und ist halt einfach noch der englische Begriff dazu. Und, dass das so populär geworden ist, das hat wahrscheinlich auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun, dass man halt immer mehr nach Natur, Freiheit und Abenteuer sucht. Und das ist Anfang der 2000er Jahre dann auch so populär geworden, dass man eben auch aus dem Sport oder mit diesem Sport quasi finanziell sein Auskommen finden kann, wenn man kreativ und/oder gut dabei unterwegs ist. Die zweite Frage, nein, wollte nicht als Kind schon Free-Rider werden, weil ich auch gesagt habe, es ist erst sehr spät aufgekommen, dass man das quasi überhaupt werden kann aus beruflicher Sicht, aber ich wollte schon immer, oder ich habe noch nie verstanden, wieso man Dinge macht, die langweilig sind und wieso man das dann meistens Arbeit nennt. Also ich habe nicht verstanden, wieso Arbeit eigentlich negativ behaftet ist und habe immer gesagt, wenn Arbeit ist, wie es alle beurteilen, dann gehe nie arbeiten. Das habe ich Gott sei Dank so geschafft, weil ich immer das gemacht habe, was mir Spaß macht, bzw. versucht habe, das, was mir Spaß macht, zu meinem Beruf zu machen. Das heißt nicht, dass es immer Spaß macht, um dorthin zu kommen. Und ich denke, das war im Nachhinein gesehen ein sehr guter Schritt, dass ich, also anstatt versucht habe Geld zu verdienen, versucht habe das zu machen, was mir Spaß macht, weil ich hab dann damit auch Geld verdient.
Christian Kräutler: Das ist ein gutes Motto. Eigentlich haben wir einen schönen Job, aber nur Spaß ist es nicht.
Sabine Kaulich: Na ja.
Christian Kräutler: Schon, okay.
Sabine Kaulich: Wie kommt man überhaupt zu so einem außergewöhnlichen Können? Wie kann man sich das aneignen? Das ist ja quasi für jeden, der sich einmal die Videos angeschaut hat von dir online ist es ja echt gigantisch, kann man sich gar nicht vorstellen. Wie kann man auf so einem Level fahren und was gehört denn da eigentlich dazu? Was brauchen wir dazu? Natürlich auch ein Naturtalent, ein Mut würde ich sagen und wahrscheinlich auch ein intensives Training, oder?
Matthias Mayer: Also ich würde einmal sagen, Talent ist das unwichtigste von all diesen Dingen. Das Allerwichtigste ist üben, üben, üben. Das gilt für jede Fähigkeit, die jemand erlernt. Das geht vom Chirurgen bis zum Optiker bis zum Sportler ist das überall gleich. Ob das jetzt Extremsport genannt wird, ist halt nur deswegen, weil das für andere gefährlich ausschaut, aber ich vergleiche das immer damit, wenn jemand am Herz operiert, der das noch nicht gemacht hat, dann wird das auch schnell mal extrem, vor allem mit den Patienten. Und so ist das genauso, wenn jemand normalerweise eben nicht 45 Grad Steilhänge, mit relativ hoher Geschwindigkeit fahrt und sie zum ersten Mal in seinem Leben sieht, dann kann man sich natürlich auch nicht vorstellen, wie das geht. Eben genauso beim alpinen Rennlauf kann man sich auch nicht vorstellen, wie das geht. Oder eben genauso beim alpinen Rennen kann man sich nicht vorstellen, dass man mit 150 km/h über eine Eispiste fährt, aber wenn man sich das Leben nichts anderes tut, als darauf hinzuarbeiten, dann geht's halt irgendwann.
Christian Kräutler: Ich würde ja noch mal ganz gerne ein bisschen nachbohren und zwar warum man denn das eigentlich macht. In deiner Dissertation hast du ja die Adrenalinwerte im Blut von Free-Rider-Profis angeschaut und die Adrenalinwerte, sind ja so hoch wie eigentlich bei sonst kaum einer oder gar keiner Sportart. Ist das vielleicht auch bisschen der Antrieb, so die Sucht nach dem Adrenalin? Oder ist es der Wunsch nach Verewigung im Guinness Buch der Rekorde oder gibt es ganz was anderes?
Matthias Mayer: Also ich würde mal sagen, das, was ich vorher schon gesagt habe bezüglich Langeweile, ich glaube Langeweile ist ganz eine schlimme Sache, die Menschen treffen kann, oder viele Menschen trifft, oder uns oft trifft. Ein gutes Beispiel sind die sozialen Medien, das süchtig Machende funktioniert genau damit, dass es nie langweilig wird, dass man immer wieder das nächste als Input kriegt. Und genauso funktionieren wir Menschen halt bei allen anderen Dingen. Beim Schifahren im freien Gelände ist das süchtig Machende eben auch, dass das immer anders ist und immer im Idealfall so, dass es immer spannend bleibt und man immer genauer auf dem Level gefordert wird, wo man in seinem Flow versinkt, also wo man die Zeit vergisst. Und deswegen macht es so Spaß. Alleine auf das Wort Adrenalin anzuknüpfen, wahrscheinlich zu kurz gegriffen, würde ich mal sagen.
Sabine Kaulich: Du hast ja schon gesagt, das Wichtigste ist intensives Training. Wie bereitest du dich oder wie hast du dich auf diese Touren, auf diese extremen Touren denn eigentlich vorbereitet? Hast du da noch ein spezielles Training gemacht oder hast du da auch eine Checkliste, was du da abzuarbeiten hast, bis zum Tag X? Gibt es da irgendein Geheimrezept?
Matthias Mayer: Das Geheimrezept ist leider ganz banal. Von Anfang an, also von Kindheit an versuchen immer, was heißt, als Kind macht man das eh automatisch, man sollte von den Erwachsenen nicht daran gehindert werden, sich möglichst viel zu bewegen. Die Fitness, die wächst über Jahre. Also es geht ja um das Trainingsalter um Fitness zu erreichen. Es gibt keine Checkliste außer für das Reisegepäck. Das ist das Wichtigste. Was wir Expeditionen gemacht haben, also in Gegenden, wo es keine Hilfeleistung gibt, aber wo, wenn was passiert, da ist das Allerwichtigste, dass man sich mental dazu bereit fühlt und zweitens eben genug Erfahrung gesammelt hat in vorherigen Aktionen, um sich dem ganzen gewappnet zu fühlen. Also wenn mich jemand vor 17, 18 Jahren gefragt hätte, ob ich jemals in die Antarktis fahren würde zum Schifahren, dann hätte ich ihm den Vogel gezeigt und gesagt, nie und nimmer möchte das machen, weil alles, was ich bisher zu der Antarktis gehört habe, ist, dass man dort erfriert und einen qualvollen Tod stirbt. Aber wenn man sich so viel mit Kälte und Schnee und verlassenen Gegenden befasst wie wir in den letzten 15 Jahren, dann kommt irgendwann der Punkt, wo man sagt, man ist eigentlich bereit dazu und man weiß, wie das geht, ohne dass das unangenehm wird. Und man fühlt sich eigentlich eher dazu bereit, dort hinzugehen, weil es unter Anführungszeichen Spaß macht oder weil das eigene Level eben so ist, dass man genau dann genug gefordert ist, wenn man in so einer Gegend ist.
Sabine Kaulich: Matthias, könntest du uns bisschen erzählen, wie das jetzt war mit dieser nördlichsten Skiabfahrt der Welt? Ich habe da ein bisschen etwas durchgelesen. Da hat es ja ganz viele sozusagen Grenzerfahrungen gegeben, oder Erlebnisse auch gegeben, eben so ein davonfliegendes Zelt, ein Husky, der noch nie wirklich in den Bergen war, erzähl uns mal ein bisschen davon.
Matthias Mayer: Also begonnen hat das Erlebnis der nördlichsten Abfahrt. Genau auf der anderen Seite des Planeten, in der Nähe des Südpols, in der Antarktis. Da waren wir vier Tage zusammen in der Antarktis und haben da eigentlich erreicht, was wir wollten. Wir sind da richtig tolle Sachen gefahren und haben gedacht, wo kommen wir jetzt noch hin? Wir waren schon in so vielen Gegenden und am Nordpol selbst geht es nicht, weil der Nordpol ist ja nur Polarmeer, also da gibt es keine Landmasse. Und dann haben wir einfach gesagt, dann suchen wir einfach die nächstgelegene, gebirgige Landmasse, die es gibt zum Nordpol. Die liegt an der Nordküste von Ellesmere Island, das gehört zu Kanada und liegt westlich von Grönland, also links von Grönland, wenn man es vereinfacht sagen will. Und eigentlich haben wir gedacht, dass das nicht so schwierig sein wird, aber es sich herausgestellt, dass die Logistik dorthin viel schwieriger zu beschaffen war als wie in der Antarktis, weil in der Antarktis gibt es bereits Tourismus und da ist schon seit Jahrzehnten ein System aufgebaut, wie man da hinkommt, aber nach Ellesmere Island, das wird bis jetzt keiner von euch gehört haben, dass es das überhaupt gibt, ist die zehntgrößte Insel der Erde. Und wie man da hinkommt, muss man sich dann selbst quasi zusammenschustern. Wir haben da mehrere Flugzeuge gebucht, die uns dahinfliegen, inklusive Pilot, Pilot überreden müssen, bzw. diskutieren müssen, wie und wo man da landet, weil da gibt es natürlich auch keinen Flughafen und, dort ist nichts außer Steine, Eis und Wasser. Und ja, dann sind wir eben dort gelandet schlussendlich. Und dann haben wir halt einmal einen Fehler gemacht und das Zelt nicht rechtzeitig im Boden verankert oder am Meereseis verankert und dann ist uns das davongeflogen. Und wir haben außerdem immer einen Wolfshund mitgehabt von einer Inuit Dame, die uns den, Gott sei Dank, geliehen hat als Alarmanlage für Eisbären. Sonst müsste immer einer wach bleiben und warten oder schauen, ob eh kein Eisbär kommt, weil die sind relativ leise, obwohl sie so schwer und groß sind. Und der Hund war halt auch ein Alphatier und hat halt, er war zwar sehr lieb und man hat mit ihm kuscheln können, also wie mit einem normalen Haustier, aber er hat natürlich nicht das gemacht, was man ihm sagt.
Christian Kräutler: Gut, du hast also steile Pisten gehabt, du hast Hunde gehabt, die dir nicht folgen, du hast einen Sturm, wo irgendwie ein Zelt wegfliegt. Sag mal ganz ehrlich, wenn man da so unterwegs ist, was spielt da die Angst für eine Rolle? Ist da Todesangst dabei oder kennst du sowas gar nicht?
Matthias Mayer: Also wenn man Todesangst nicht kennt, würde ich mal behaupten, lebt man nicht lang, weil das ist ein Schutzfaktor, der einfach davor schützt, dass man ums Leben kommt. Und wer kennt keinen Sportler in den extremeren Bereichen, wo es darum geht, wenn was passiert, dass man sich verletzen könnte oder schlimmer ist, der behauptet, jemals behaupten würde, er keine Angst. Weil Angst ist das Allerwichtigste eben, um zu wissen etwas zu lassen. Das heißt aber jetzt nicht, dass ich bei meinen Abfahrten Angst habe. Ganz im Gegenteil, ich fahre nur dann, wo runter, wenn ich keine Angst habe, weil Angst für mich ein Sicherheits,- oder Alarmsignal ist, etwas nicht zu machen. Und vor allem, wenn es um das Thema Lawinen geht, ist Angst ganz wichtig, das richtig einzuschätzen und sich da auf sein eigenes Angstgefühl zu verlassen. Also wer behauptet, Angst ist etwas, was tolle Sportler nicht haben, der liegt, glaube ich, sehr falsch.
Christian Kräutler: Heißt das jetzt also im Klartext: Safety first, Sicherheit ist also nicht verhandelbar, also du drehst da um, wenn das nicht passt, wenn die Bedingungen rau sind, wenn es gefährlich sind oder zumindest mal die Route ändern oder eben die Tour wirklich auf einen anderen Tag verlegen. Ich frage auch deshalb, weil das natürlich irgendwie auch für den Normalsportler, die unterwegs sind, ein Thema ist. Ich glaube nämlich, dass du eben schon ein vorbildlicher Risikomanager bist und genau weißt, dass man da tut, um eben sicher heimzukommen.
Matthias Mayer: Also Sicherheit kann gar nicht verhandelbar sein, weil wenn es verhandelbar wäre, dann würde ich heute nicht mehr dasitzen und könnte die Fragen nicht beantworten. Und ich behaupte mal, ohne es genau zu wissen, die meisten Freizeitsportler, die sich verletzen, verletzen sich nicht, weil sie bewusst das Sicherheitsrisiko eingehen, sondern weil sie ahnungslos in gewissen Dingen sind. Also wenn Wintersportler in Lawinen kommen, sind sie entweder so erfahren, dass sie es aber auch negieren, dass da gerade ein Risiko da ist. Da haben wir ja eh ein gemeinsames Projekt gemacht, das heuer noch veröffentlicht wird, oder, dass sie es einfach nicht wissen. Und wer etwas nicht weiß, also Ahnungslosigkeit schützt ganz gut vor Angst, weil ich nicht weiß, dass ich in fünf Sekunden vom Hai gebissen werde, habe ich davor natürlich auch noch keine Angst. Und das ist eigentlich das größte Problem, also Sicherheit oder Safety First glaube ich würden viele Menschen machen, wenn sie wissen würden, jetzt geht es darum, an Sicherheit zu denken.
Sabine Kaulich: Ja, also das ist wirklich wichtig, die Devise Safety First. Und das gilt nicht nur für Extremsportler, sondern auch für alle normalen Sportler. Und ich finde das toll, dass du das heute so dezidiert sagst, weil gerade Extremsportler ja oft die Vorbilder für andere sind und das ist also besonders wichtig. Kommen wir jetzt zu einem anderen Thema, nämlich zum Thema Ausrüstung. Auch das richtige Outfit und Equipment ist ja ein absolutes Muss, gerade bei so extremen Bedingungen, in die du dich da ausgesetzt hast, also eine essentielle Grundbedingung für ein erfolgreiches Sporterlebnis. Was ist denn dir da wichtig?
Matthias Mayer: Dass es funktioniert. Also bei der Sicherheitsausrüstung natürlich muss die funktionieren, egal zu welcher Tageszeit und zu welcher Temperatur. Und bei der Kleidung ist es das Gleiche, die muss halt auch widerstandsfähig sein, sollte länger als wie 15 Mal Tragen halten, sondern es sollte halt alles stabil sein. Aber ich denke, da ist bei den meisten modernen Bekleidungsausrüstern ist da schon sehr hoher Standard erreicht. ich würde mal behaupten, auch wieder, ohne es zu wissen, dass die meisten overequipped sind, die unterwegs sind.
Christian Kräutler: Matthias, man lernt ja, zumindest sagt man das, auch aus eigenen Fehlern. Jetzt mal ganz selbstkritisch aus deiner Sicht im Rückblick betrachtet. Was waren denn so deine größten Fehler, die dir bislang passiert sind? Und welche Dummheit am Berg, wenn man das so sagen kann, würdest du heute eigentlich nicht mehr begehen?
Matthias Mayer: Ich glaube nicht, dass ich eine Dummheit sagen würde, dass ich sie nicht wieder begehe. Ich habe aus meinen Dummheiten gelernt und hätte ich nicht daraus gelernt, hätte ich das irgendwann anders machen müsste, aber ich bin auch schon einmal in eine Lawine gekommen. Die haben wir halt bewusst, oder teilbewusst quasi provoziert, also man hat gewusst, dass es eine sehr hohe Lawinengefahr ist. Wir haben ein Fotoshooting gehabt und ich habe halt probiert, ob es geht und es ist halt nicht gegangen. Das ist meiner Meinung nach ein ganz wichtiges Erlebnis, weil dann ist man für die ganze nachjährige Lebenszeit geprägt, dass man das kein zweites Mal in der Form erleben will oder auslösen will. Das ist dann in meinem Sport ganz wichtig, dass man weiß, dass sowas unbedingt immer vermieden gehört. Aus der Hinsicht kann ich sagen, das will ich auf keinen Fall vermeiden. Ansonsten habe ich meine unangenehmste Verletzung leider auf der Piste. Da habe ich in meinem Knie einige Bänder gerissen, weil ich mit jemandem um die Wette gefahren bin. Das hätte ich lassen sollen. Das hat mir nicht wirklich viel Lebenserfahrung gebracht, außer Schmerzen. Und ansonsten, ja, ich habe mir noch ein paar andere Kleinigkeiten verletzt, also Schulterluxation und Nasenbeinbruch. Auf das kann man natürlich auch verzichten, aber das ist halt, wenn man Sachen springt, kann das manchmal passieren bei der Landung.
Sabine Kaulich: Kannst du eigentlich sagen, so rückblickend, was denn deine schönsten Erlebnisse waren, deine größten Erfolge? Weil wenn man so auf Wikipedia nachliest, gibt es da ja ganz erstaunliche Sachen, die du gemacht hast. Du hast auch viele Dokumentarfilme gedreht, preisgekrönte Dokumentarfilme, wie zum Beispiel „The White Maze“ oder „Onekotan - The Lost Island“. Was waren denn da deine persönlichen Highlights?
Matthias Mayer: Also die persönlichen Highlights waren ausnahmslos immer die Begegnungen mit Menschen. Das war eigentlich am stärksten bei, eh wie du sagst „the White Maze“, das war in Nordostsibirien. Da haben wir bei einer Nomadenfamilie gewohnt. Im Winter sind sie keine Nomaden, im Winter haben sie eine Holzhütte, das kann man sich so vorstellen wie bei unserem Heimstadl, wo die vom Opa bis zum Enkel alle in einem Raum schlafen und wir dann halt auch zu sechst bei ihnen geschlafen haben. Und die haben aus unserer Sicht quasi keinen nennenswerten Besitz und gleichzeitig lassen sie uns einfach in ihr Familienleben mit ihrer engsten Privatsphäre wenn es draußen minus 50 Grad hat, und helfen uns bei allem, was wir erreichen wollen, obwohl das aus ihrer Sicht komplett hirnrissig und dumm ist und opfern da ab und zu ihre eigenen Materialien auch. Und sowas erlebt man in unserer Welt, die wir so kennen, nie.
Christian Kräutler: Welche Menschen darfst du als nächstes treffen? Oder anders gefragt, sind denn so die nächsten Ziele und Projekte? Gibt es da schon etwas, was spruchreif ist?
Matthias Mayer: Ja, also das ist meine erste Tochter, ist jetzt eineinhalb, die wird bald zwei. Meine zweite Tochter kommt hoffentlich im Februar auf die Welt und das sind meine aktuellen und zukünftigen Projekte.
Sabine Kaulich: Gratulation, kann man nur sagen! Du bist ja studierter Sportwissenschaftler und arbeitest im Bereich der Prävention ja schon sehr lange mit dem KFV zusammen. Jetzt fragen sich viele vielleicht, was hat denn dein Job jetzt eigentlich mit Prävention zu tun, weil ja in unseren Köpfen du sehr was Gefährliches machst. Wie kam es denn jetzt zu der Zusammenarbeit und welche gemeinsamen Projekte wurden da schon umgesetzt und wo siehst du da die wichtigsten Synergien?
Matthias Mayer: Also angefangen hat die Zusammenarbeit, glaube ich, das war 2010 oder 2012, ungefähr. 2012, glaube ich, war das. Da habe ich mit dem KFV in Salzburg in über 20 Schulen Vorträge gehalten. Das hat, glaube ich, „Pistensicher“, hat das geheißen, das Ganze, und da habe ich unter anderem den Schülern auch versucht zu erklären, dass Mut eigentlich ist, wenn man oben steht und sagt, man fährt jetzt nicht hinunter, anstatt da runterzufahren, weil man eben das Gefühl hat, dass das zu gefährlich ist. Und eigentlich das Dummheit das ist, wenn man runterfährt, obwohl man glaubt, man kann es entweder selbst nicht schaffen oder es ist einfach eine zu gefährliche Situation. Dann ist das eigentlich nur Dummheit und wer Mut hat, der macht das dann nicht. Und das habe ich versucht, als jetzt eine Kernaussage, den Schülern und Schülerinnen da beizubringen. Warum gerade ich präventiv wirken können soll, obwohl ich ja gefährliche Sachen mache? Ja weil, eben gerade ich gefährliche Sachen mache und deswegen weiß, wie man aus Gefahr resultierende Dinge vermeiden kann, weil sonst würde ich erstens nicht mehr da sein bzw. Gefahr ist immer relativ meiner Ansicht nach, Gefahr hat damit zu tun, wie man es bewertet, unter anderem und eben, ob die Gefahr übergeordnet kommt, dass man nicht so wirklich beeinflussen kann, oder ob es durch einen selbst bewirkt wird. Und da gibt es ja so viele Dinge, die zu beachten sind und gerade, wenn es eben bezüglich KFV Richtung Skisport geht. Man sieht ja, es ist halt leider so, dass die meisten Verletzten auf unseren Skipisten sind, nicht diejenigen, die gut Skifahren, sondern sind halt leider die Schwächsten. Selbst wenn, also es sind eh die Meisten, ohne Fremdeinwirkung, das ist immer die erste Sache, aber selbst, wenn es Zusammenstöße gibt, ist auch meistens der Schwächere verletzt. Das heißt, wir müssen einfach schauen, erstens einmal, dass man Schisport im Denken wieder so in die Höhe bringt, man weiß, dass man da gut vorbereitet ist, dass man nicht einfach eine Woche im Jahr Skifahren geht und den Rest des Jahres gar nichts macht. Das wäre schon mal eine sehr starke präventive Wirkung, sich da körperlich das ganze Jahr fitter zu halten und unter anderem auch den Winterurlaub besser zu überstehen. Und das andere große Thema ist natürlich, Alkohol und Skisport sollte man halt streng voneinander trennen. Da gibt es ja Statistiken dazu, wie viel Einfluss das auf das Ganze hat. Gerade in Österreich mit der Après Ski Kultur.
Christian Kräutler: Ja, ich habe vor, wieder Schifahren zu gehen. Das heißt, ich muss bald einmal wieder trainieren, Sabine. Bist du dabei?
Matthias Mayer: Einfach nie aufhören!
Sabine Kaulich: Wir gehen eh immer regelmäßig, aber um das Training dazwischen geht's.
Christian Kräutler: Das gehört ein bisschen intensiviert bei mir auf jeden Fall, aber danke nochmal für den Hinweis, Matthias. Wo siehst du dich eigentlich so in, sagen wir jetzt einmal, in zehn Jahren? Wirst du da eventuell ein bisschen leiser treten oder bist du da immer noch auf der Jagd nach nicht langweiligen Abenteuern, sag ich jetzt mal.
Matthias Mayer: Also ich würde einmal sagen, ich bin schon leiser getreten, also bin ja auch schon mittlerweile 44. Und ich habe Gott sei Dank das Glück gehabt, dass ich auf allen sieben Kontinenten, die es auf unserem Planeten gibt, Filme machen hab dürfen und überall, zum einen Glück, Pulverschnee gefunden hab. Und ich habe eigentlich ehrlich gesagt, dann irgendwann nicht mehr gewusst, was ich da noch machen soll, ohne mich selbst zu stark zu gefährden, also ich hab zum Beispiel immer darauf verzichtet Richtung Himalaya zu gehen, also Richtung ganz hohe Berge, weil man dann ab einer gewissen Seehöhe Dinge noch weniger kalkulierbar werden und auf das habe ich dann bewusst verzichtet. Und ich werde in Zukunft nicht mehr solche extremen Dinge machen, wie ich es gemacht habe, weil ich einfach nichts mehr, erstens einmal denke, dass ich meinen Zenit überschritten habe, und das muss man dann auch irgendwann akzeptieren, und umso öfter man etwas macht, umso höher ist die Chance, doch irgendwann einmal quasi den Nuller beim Roulette zu treffen und darum sollte man auch noch mal weniger oft Roulette spielen. Was nicht heißt, dass das, was ich mache, Roulette ist, sondern das heißt aber, es ist halt immer ein gewisses Restrisiko da und vor allem, wenn man eben Dinge macht, wie ich es gemacht habe, wo doch halt sehr exponiert die Lage, als auch das ist, was wir machen, muss man halt irgendwann glaube ich auch sagen, man muss es altersangepasst, oder auch angepasst an den Kopf machen, weil man muss halt zu 100 Prozent fokussiert sein. Und aus meiner Sicht kann ich sagen, ich bin nicht mehr so zu 100 Prozent fokussiert, wie ich es vielleicht noch vor fünf Jahren war für das Ganze. Das muss man dann aber eben auch anpassen, seine Tätigkeit.
Christian Kräutler: Ich bin mir ganz sicher, wir werden da noch ganz interessante Sachen von dir hören, die vielleicht altersangepasst sind, aber trotzdem für uns alle sehr, sehr spannend. Ich wünsche dir jeden Fall alles Gute dafür, dass deine Träume, die du sicherlich noch hast, einfach in Erfüllung gehen.
Matthias Mayer: Danke sehr.
Sabine Kaulich: So meine Herren, das war jetzt wirklich eine ganz kurzweilige und spannende Unterhaltung. Vielen Dank. Wir müssen aber jetzt nun zum Zielsprung unserer heutigen Podcastfolge kommen. Weihnachten steht wieder die Tür. Matthias, was wünscht du dir?
Matthias Mayer: Natürlich viel Schnee. So wie alle. Und was ja natürlich auch zur Sicherheit und Prävention zählt und was auch jeder, glaube sich wünscht, ist Gesundheit und ein bisschen mehr Stabilität in der Weltpolitik wird uns wahrscheinlich auch nicht schaden.
Christian Kräutler: Matthias, hast du vielleicht noch einen abschließenden Tipp für unsere Hörerschaft?
Matthias Mayer: Also ich denke, gerade beim Schifahren gehen, beim Schifahren ist es sehr leicht, über seine eigenen Grenzen zu gehen, weil man einfach sich nur hinstellen muss und gerade runterfahren muss. Man hat auf einmal, 70 km/h, hat man sowieso sofort, und hat selbst 100 km/h sind relativ schnell erreicht. Das erreichen beim Radlfahren die Wenigsten, oder bei allen anderen Sachen. manche erreichen das nicht einmal auf der Autobahn, aber beim Skifahren erreicht es fast jeder und da muss man sich schon ein bisschen Gedanken machen, ob man da nicht vielleicht zu einem eigenen Körper ein bisschen langfristiger drauf hintrimmt, dass der Schisport schon einiges an Fitness braucht. Und man sollte vor allem an die umliegenden Fahrer auf der Piste denken, wenn man schnell unterwegs ist, weil dann wird man schnell zum Geschoss und das ist für andere dann meistens körperlich sehr schmerzhaft.
Sabine Kaulich: Lieber Matthias, vielen Dank für deine Zeit heute und, dass du uns einen Einblick in die Welt des Extremsports gegeben hast und natürlich auch für die vielen, vielen Tipps. Alles Gute für deine weiteren Projekte, frohe Weihnachten und ein glückliches und sicheres 2026.
Matthias Mayer: Danke sehr.
Christian Kräutler: Bleib gesund und munter und komm überall gut rauf und vor allem dann auch wieder runter. Liebe Hörerinnen und Hörer, herzlichen Dank auch Ihnen fürs Dabeisein in unserem nächsten Podcastgespräch, nämlich im Jänner 2026, geht es dann um das Thema Ablenkung im Straßenverkehr. Bleiben Sie gesund, feiern Sie ein frohes Fest und rutschen Sie gut hinüber ins neue Jahr. Herzliches Dankeschön im Namen des gesamten KFV Podcast Teams für Ihr Interesse, Ihre Zeit und Ihre Treue. Alles Liebe!
Sabine Kaulich: Frohe Weihnachten allerseits, ein glückliches und sicheres 2026 und bis bald im neuen Jahr bei Sicher ist sicher.
Catharina Ballan: Sie hörten Sabine Kaulich und Christian Kräutler, zwei erfahrene Präventionsfachleute des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, im Online-Talk mit dem österreichischen Sportwissenschaftler und Free-Skier Matthias Mayer. Mehr Infos zum Thema dieser KFV Podcastepisode und zu vielen weiteren wichtigen Sicherheitsthemen finden Sie auf unserer Website kfv.at. Alle KFV Podcast Folgen sind unter kfv.at/podcast abrufbar. Abonnieren Sie Sicher ist sicher auf Spotify, Apple und YouTube sowie auf allen gängigen Podcatcherplattformen und empfehlen Sie unseren Podcast weiter. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Sicher ist sicher, dem Vordenker*innen Podcast des KFV.
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