Fatale Verkehrsvergehen: Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen auf Österreichs Straßen

Shownotes

Unser Februar-Podcast begibt sich ins Rotlicht-Milieu: Wenn das rote Licht der Ampel und der Vorrang anderer Verkehrsteilnehmender missachtet werden, ist Alarmstufe Rot angesagt. Viel zu viele, oft fatale Unfälle auf Österreichs Straßen ereignen sich durch – bewusst oder unbewusst – verletzte Vorrangregeln. Welche sind die häufigsten Motive dieser allzu populären Verkehrsvergehen? Wer sind die üblichen Verdächtigen? Wie streng werden Vorrangverletzungen sanktioniert? Unsere Moderator*innen, DI Sabine Kaulich und DI Christian Kräutler, wollen es wissen. Zu Besuch im Studio ist ein erfahrener Verkehrsjurist und Mann der Praxis: Hofrat Mag. Wolfgang Bauer, Leiter des Verkehrsamtes Wien.

Vorrang für die Sicherheit – hören Sie rein!

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Catharina Ballan: Tödlicher E-Roller-Unfall in Wien. Ein 22-Jähriger ist am Dienstagabend mit einem Leih-E-Roller auf einer Straßenbahnstrecke tödlich verunglückt. Der Mann hatte den Vorrang einer Straßenbahn missachtet und war mit dieser kollidiert. Zwei junge Männer sind bei einem Verkehrsunfall Mittwochabend in Seewalchen am Attersee ums Leben gekommen. Drei Personen wurden verletzt. Ein 20-jähriger Autolenker dürfte auf einer Kreuzung eine Stopptafel missachtet haben und krachte in den Wagen eines 17-Jährigen. Tödlicher Unfall: Radfahrerin missachtete Vorrang. Eine 78-jährige E-Bike-Fahrerin hat im Bezirk Korneuburg an der Kreuzung mit der Landesstraße, die sie übersetzen wollte, den Vorrang missachtet. Der von der Landesstraße kommende 41-jährige Pkw-Lenker konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Die schwer verletzte Radfahrerin starb im Spital. Fußgängerin missachtet Rotlicht, bei Unfall schwer verletzt. Die 28-jährige Fußgängerin überquerte nach eigenen Aussagen bei Rotlicht die Gentzgasse und wurde von einem Pkw niedergestoßen. Die schwer verletzte Frau wurde mit mehreren Knochenbrüchen ins Krankenhaus gebracht.

Sabine Kaulich: Unfallmeldungen wie diese lassen uns wissen, Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen können oft verhängnisvoll sein.

Christian Kräutler: Sie führen ganz einfach zu schweren und aber auch tödlichen Verletzungen.

Sabine Kaulich: Wer also auf der Straße Anderen einen Vorrang nimmt, also etwa die Rechtsregel, die Fließverkehrsregel, die Linksabbiegeregel ignoriert oder bei Rot eine Kreuzung oder eine Fahrbahn quert, begibt sich und auch Andere in akute Lebensgefahr.

Christian Kräutler: Ja. Vorrangverletzungen, also zum Beispiel das Überfahren von einem Vorrang geben oder einem Haltzeichen, aber auch Rotlichtmissachtungen, nämlich dann, wenn die Ampel rot ist und ich fahre trotzdem weiter, das zählt schon seit Jahrzehnten zu den Top 3 der Hauptunfallursachen in Österreich. Wir reden heute ein bisschen darum, warum ignorieren hierzulande eigentlich so viele Menschen den Vorrang oder eben das rote Ampellicht? Ist es vielleicht bewusst? Oder machen es die Leute unbewusst, ist es einfach ignorant? Wir reden heute darüber.

Sabine Kaulich: Über die Ursachen und Folgen dieser riskanten Verkehrsdelikte werden wir heute mit dem Leiter des Verkehrsamtes Wien diskutieren, mit Herrn Hofrat Magister Wolfgang Bauer.

Christian Kräutler: Bleiben Sie dran!

Catharina Ballan: Sicher ist sicher, der Vordenker*innen Podcast des KFV. Episode 24: Fatale Verkehrsvergehen, Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen auf Österreichs Straßen.

Sabine Kaulich: Herr Hofrat Bauer, Sie sind Leiter des Verkehrsamtes Wien. In welcher Form haben Sie denn mit den Delikten Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen zu tun?

Wolfgang Bauer: Ja, das Verkehrsamt prüft die von den Strafbehörden übermittelten Anzeigen, Bestrafungen, rechtskräftigen Bestrafungen und vor allem im Hinblick darauf, auf die Relevanz, probeführerscheinmäßig oder kommt es schlicht und einfach in das Vormerksystem. Nicht jeder Vorfall kommt ins Vormerksystem im Zusammenhang mit Rotlicht,- oder Vorrangverletzungen, sondern nur die, die zum unmittelbaren Abbremsen anderer Verkehrsteilnehmer führen.

Christian Kräutler: Ja, also wenn Lenkende oder auch die, die wirklich zu Fuß unterwegs sind, wenn die ganz einfach irgendwie den Vorrang von anderen missachten, dann wird es gefährlich. Dann kommt es zu Kollisionen. Herr Hofrat, Sie haben ja Zahlen mitgebracht, haben Sie mir gesagt. Wie viele Unfälle sind denn das, die mit Personenschaden aufgrund von Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen jedes Jahr sich ereignen?

Wolfgang Bauer: Pro Jahr fordern Vorrangverletzungen und Rotlichtmissachtungen etwa 50 Getötete und 11.000 Verunglückte auf Österreichs Straßen. Das ist der sogenannte Zehnjahresdurchschnitt.

Christian Kräutler: Das ist schon eine irrsinnig hohe Zahl. Alleine wenn man sich denkt, 50 Getötete, das ist Größenordnung zwei Schulklassen, so irgendwas, also leider sehr, sehr schlimm, was da passiert. Und Sie haben jetzt gerade von Verunglückten geredet. Das sind ja, glaube ich, so wie es verstanden habe, gemeint einerseits die Getöteten, die Schwerverletzten und auch die Leichtverletzten, also alles zusammen.

Wolfgang Bauer: So ist es und in Relation zum Gesamtunfallgeschehen betrachtet, bedeutet das, jeder vierte Unfall und jedes sechste Todesopfer im österreichischen Straßenverkehr sind auf die Unfallursache Vorrangverletzung beziehungsweise Rotlichtmissachtung zurückzuführen.

Sabine Kaulich: Wir haben im KFV eine Studie gemacht, um zu erheben, was denn die häufigsten Motive und Ursachen für diese Verkehrsvergehen sind, also für Rotlichtmissachtungen und Vorrangverletzungen und das Ergebnis ist bei den Motiven einerseits Stress, Ablenkung, mangelndes Gefahrenbewusstsein, Rücksichtslosigkeit, aber auch Routine, weil es einfach oft gemacht wurde und nichts passiert ist, aber auch Mängel bei der Infrastruktur. Das bedeutet, unübersichtliche Straßenraumgestaltung, mangelhafte Verkehrsführung, uneinheitliche Beschilderungen oder Markierungen können ebenso zu Vorrangmissachtungen führen.

Christian Kräutler: Ja, was bei unserer Studie ja noch rauskommt, ist, dass wenn ich zu Fuß unterwegs bin mit dem Fahrrad oder mit dem E-Scooter, dass das ganz andere Ursachen sind, warum ich Vorrang verletze. Also wir haben da festgestellt, das haben die Leute uns gesagt, dass eben wenn man mit diesen Fahrzeugen unterwegs ist, dass meistens die Vorrangverletzung bewusst ausgeübt ist, weil etwa gerade keine anderen Verkehrsteilnehmenden vor Ort sind oder, weil die Wartezeit ganz einfach zu lang ist bei der Ampel, dann geht man schon mal drüber, obwohl man es eigentlich nicht dürfte. Bei den Autolenkern ist es überwiegend anders. Da gilt es also, dass die Vorrangverletzung eher so aufgrund von Unachtsamkeit, also unbewusst, passiert und dass so einfach das Rotlicht missachtet wird. Ja, bewusst oder unbewusst, die Vorrangverletzung oder die Rotlichtmissachtung ist und bleibt auf jeden Fall ein schweres Verkehrsdelikt.

Sabine Kaulich: Ja, nicht nur ein schweres Verkehrsdelikt, sondern auch ein Vormerkdelikt. Herr Hofrat Bauer, Sie haben das ja vorher schon kurz angesprochen. Könnten Sie uns vielleicht ein bisschen genauer erklären, wann erfolgt denn genau eine Vormerkung?

Wolfgang Bauer: Ja, wie eingangs gesagt, eine Vormerkung erfolgt bei Nichtbeachtung des Zeichens Halt und Rotlicht, wenn aber Vorrangberechtigte wirklich zum unmittelbaren Abbremsen oder Ablenken genötigt werden. Nicht das Delikt alleine, das führt zu einer Bestrafung, aber wenn diese Erschwerungsgründe hinzukommen, kommt es ins Vormerksystem. Und da ist eine Geldstrafe bis über 2000 Euro schon vorgesehen.

Christian Kräutler: Und die Strafe ist ja nur, wenn einmal nichts passiert. Jetzt gibt es natürlich immer wieder auch Unfälle. Wie sind denn da die Strafsanktionen, wenn ich den Vorrang eines anderen Verkehrsteilnehmers missachte und es kommt dann tatsächlich zu einer Kollision, also zu einem Unfall mit Personenschaden.

Wolfgang Bauer: Man nennt das im Strafgesetzbuch fahrlässige Körperverletzung. Das heißt, diese Akte nach Vorbereitung, Einvernahmen der Beteiligten, geht dann in weiterer Folge an das Strafbezirksgericht und da gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, dass das mit einer Diversion abgehandelt wird. Damit wollte man die Leute nicht wirklich jetzt gleich kriminalisieren, aber ich habe die Möglichkeit, das zu bekämpfen. Dann kommt es eben nicht zu einer Diversion, sondern wirklich zu einem Strafbescheid, zu einer sogenannten Strafverfügung vom Gericht und das würde dann natürlich in das Strafregister reinkommen.

Sabine Kaulich: Unsere Kollegen aus dem KFV-Datenteam haben auf Basis der amtlichen Verkehrunfallstatistik eine Detailanalyse gemacht und folgende Fakten ans Tageslicht gebracht: Kreuzungen sind ein Unfall-Hotspot. 70 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden aufgrund von Vorrangverletzungen oder Rotlichtmissachtungen ereignen sich genau dort und rund 80 Prozent der Vorrangverletzungsunfälle mit Personenschaden werden von Pkw-Lenkenden verursacht.

Christian Kräutler: Ja, was uns auch noch aufgefallen ist in der Statistik ist, dass da relativ viele junge Menschen dabei sind und da denke ich gerade an die Mopedlenker und Mopedlenkerinnen mit 15 Jahren. Die sind da teilweise ganz groß in der Statistik, in der negativen Unfallstatistik drinnen und teilweise sogar selbst verschuldet.

Sabine Kaulich: Ja, Christian, das hast du vollkommen recht, also die jungen Moped-Lenkenden sind eine ganz besondere Risikogruppe. Herr Hofrat Bauer, sind Sie auch der Meinung, dass die praktische Moped-Prüfung in Österreich endlich Realität werden sollte? Denn mit diesem Qualitätskriterium, nämlich, dass nur ein behördlicher Fahrprüfer, Fahrprüferin, wie in den anderen Führerscheinklassen die Prüfung abnehmen darf, das wäre doch eigentlich eine ganz logische Folgerung und diese Sicherheitslücke gibt es ja in Österreich.

Wolfgang Bauer: Ja absolut, da bin ich ganz eurer Meinung. Diese Risikogruppe könnte verringert werden, verkleinert werden würde die echte Fahrprüfung Realität werden. Wahrscheinlich eine politische Entscheidung, will man eine Prüfung, eine Fahrprüfung, praktische Fahrprüfung analog zur Klasse A1, A2, A? Oder sagt man, man kreiert eine neue Art der praktischen Fahrprüfung?

Sabine Kaulich: Welche weiteren Risikogruppen? Gibt es denn eigentlich bei den Vorrangverletzungen noch?

Wolfgang Bauer: Besonders betroffen von den Vorrangverletzungen sind natürlich einspurige Fahrzeuge wie Motorradfahrer, Radfahrer, aber natürlich auch Fußgänger und andere ungeschützte Verkehrsteilnehmer. Bei Kollisionen im Straßenverkehr sind Menschen ohne der berühmten Knautschzone besonders gefährdet. Ältere Menschen, 65 plus scheinen immer öfter in der Unfallstatistik auf und Kinder sind natürlich auch besonders gefährdet, wenn ihnen am Schutzweg der Schutz des Vorrangs genommen wird. Wobei gerade die Kinder ja, wie wir wissen, immer ein Problemfall sind, weil die ja vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen sind.

Christian Kräutler: Ja, ganz genau und es ist natürlich schlimm, wenn am Schutzweg oder am Zebrastreifen, wie wir ja dann auch sagen, dieser Schutz weg ist, obwohl es eigentlich im Namen drinnen wäre. Unsere aktuellen KFV-Beobachtungen zeigen da, dass sogar jede zehnte Person am Steuer eines Pkws nicht vor einem ungeregelten Schutzweg anhält, wenn zu Fußgehende offensichtlich queren wollen.

Sabine Kaulich: Ja, und deswegen muss man einfach den Kindern immer und immer wieder sagen, dass sie sich auf diesen Vorrang am Zebrastreifen nicht verlassen dürfen. Dass sie immer, egal ob bei einer ampelgeregelten oder nicht ampelgeregelten Kreuzung über die Straße gehen, dass sie immer diesen berühmten Kontrollblick machen müssen, bevor sie queren.

Wolfgang Bauer: Ja, Kfz-Lenkende müssen Kindern immer und überall das gefahrenlose, unbehinderte Überqueren der Fahrbahn ermöglichen. Leider klappt das eben nicht immer mit dieser Achtsamkeit der Lenkenden, weil sie eben abgelenkt sind. Das muss man Kindern zu ihrer eigenen Sicherheit wiederholt verständlich machen und es sollte keine Gefahrenquelle geschaffen werden. Ich ertappe mich persönlich immer wieder dabei, dass ich überlege, wie mache ich es eigentlich richtig, weil ermögliche ich den Kindern das gefahrenlose Überqueren, glaube ich, dass es gefahrenlos ist? In Wirklichkeit überholt mich dann vielleicht jemand und das Kind kommt zum Handkuss und ich habe es dann eigentlich verursacht.

Christian Kräutler: Sehr tragisch, ja. Mir fällt ganz einfach auch ein Spruch ein, den wir immer wieder hören, nämlich „Augen auf, Ohren auf", wie unser Helmi sagt. Ich glaube, das ist ganz wichtig in dem Zusammenhang, wenn wir über den Schutzweg reden. Ich habe vorher, Herr Hofrat, irgendwie das Stichwort Motorradunfälle gehört und da fällt mir immer wieder ein, wenn ich das höre, der Motorradunfall vom Hermann Maier. Der ist ja damals völlig schuldlos eigentlich, von einem links abbiegenden Pkw abgeschossen worden, dessen Lenker ihn einfach übersehen hat.

Sabine Kaulich: Ja, und wäre das nicht ein durchtrainierter muskelbepackter Hermann Maier gewesen, sondern irgendein Durchschnittsmensch, dann wäre dieser Unfall höchstwahrscheinlich schlimmer ausgegangen, oder?

Christian Kräutler: Ja, auf Muskeln kann man sich aber nicht nur verlassen, aber in dem Fall wird es wahrscheinlich schon stimmen, hat er ja auch selbst gesagt, dass das ihm das Leben gerettet hat. Hätte er eben nicht den Trainingszustand, den er gehabt hat, dann wären die Folgen wahrscheinlich noch viel dramatischer gewesen.

Wolfgang Bauer: Ja, das ist sehr wahrscheinlich, aber auch dieser Unfall hat gezeigt, wie besonders verletzlich einspurige und andere ungeschützte Verkehrsteilnehmer sind.

Sabine Kaulich: Herr Hofrat Bauer, Sie sind ja ein erfahrener Polizeijurist. Sie üben Ihren Beruf aber nicht nur hinter dem Schreibtisch aus, sondern Sie sind auch draußen dabei, in der Praxis, als Straßenaufsichtsorgan der Exekutive, sozusagen als Schnellrichter im Rahmen von Planquadraten etwa. Wie ist denn das eigentlich, wenn dann Vorrangübertretende oder Rotlichtmissachtende so in flagranti erwischt werden? Wird da oft diskutiert oder sind die Meisten gleichgeständig und einsichtig?

Wolfgang Bauer: Ja, ich bin seit 1991 als Teilnehmer dieser Schwerpunkte- und Schnellrichter unterwegs, gemeinsam mit der Verkehrsabteilung. Ich mache das zum einen sehr gerne, wenn man dann wirklich die Übertretungen vor Ort sieht und eben gewisse Dinge und Delikte sofort abstrafen kann. Das kommt auf der einen Seite sehr gut an, weil die Bevölkerung dann sieht, ich habe das angestellt und kriege auch gleich die Strafe. Diskussionen kann es geben, dann geht es dann oft Richtung, naja, war es wirklich rot, war es nicht dunkel-dunkelorange, aber im Großen und Ganzen sehen es die Leute ein, weil wirklich die Strafe sofort erfolgt und nicht vielleicht Wochen oder Monate später.

Christian Kräutler: Gibt es auch so klassische Ausreden, die die Leute dann so bringen, wenn man sagt, na, wir sind bei Rot gefahren, fällt Ihnen da gerade irgendwas ein dazu?

Wolfgang Bauer: Ja, ich habe jetzt nicht geschaut, ich bin hinter dem anderen Auto nachgefahren, der andere hat es auch gemacht. Dann sagen wir, gut, jetzt bleiben aber andere Autos stehen, wir bleiben selber stehen, also wir haben es geschafft und Sie kommen von hinten und wir haben ja sogar gehört, wie Sie runtergeschalten haben und noch beschleunigt haben, also da kann das wohl nicht passiert sein.

Christian Kräutler: Also da gibt es kein Auskommen, lieber stehen bleiben bei Rot. Das ist auch sicherer für alle. Kommen wir noch kurz zu den Hotspots, nämlich zu den besonders unfallträchtigen Kreuzungen im Ortsgebiet und dann zum Thema Rotlichtmissachtung, wo wir eh schon drinnen sind. Ich hätte jetzt noch eine Frage. Bin mir nicht ganz sicher, ob Sie da irgendwie Auskunft geben dürfen können. Das Eine, was mich interessieren würde, ist, wie viele Rotlichtkameras kommen denn in Wien überhaupt schon zum Einsatz? Und das Zweite, gleich eine Frage angeschlossen und wie genau kommt es dann zur Strafverfolgung? Also da wird einmal einen Film gemacht, schätze ich, und wie komme ich dann zu meiner Strafe, wie geht das weiter?

Wolfgang Bauer: Ja, in Wien gibt es derzeit sechs Rotlichtkameras. Wie ihr es ja bereits gesagt habt, werden diese Filme dann ausgewertet. Das kommt in Wien auf die Polizeikommissariate und das Verwaltungsstrafverfahren startet dann mit einer Lenkererhebung und in weiterer Folge wird dann ein Strafbescheid, die sogenannte Strafverfügung, also zunächst das abgekürzte Verfahren, herausgeschickt. Das können die Leute dann bezahlen oder sagen, das stimmt nicht, Einspruch machen, dann wird das ordentliche Verfahren eingeleitet. Handelt es sich um Probeführerscheinbesitzer wird wiederum das Verkehrsamt Wien verständigt und wir speichern dann dieses Delikt im Führerscheinregister und bei Probeführerscheinbesitzern gibt es ja dann eine Maßnahme, eine sogenannte Nachschulung für verkehrsauffällige Lenker.

Sabine Kaulich: Das KFV hat ja auch an zehn ampelgeregelten Kreuzungen in Österreich eine Videobeobachtung von fast 82.000 Verkehrsteilnehmenden durchgeführt, eben um genauere Informationen über das Auftreten und die Häufigkeit von Rotlichtmissachtungen zu gewinnen. Christian, magst du uns da ein paar Erkenntnisse aus dieser Videobeobachtung erzählen?

Christian Kräutler: Sabine, das mache ich gern, aber ich muss gleich vorwegschicken, die Ergebnisse sind sehr, sehr, sehr, sehr unerfreulich. Beginnen wir mal mit dem Ersten. Was glaubst denn du, was pro Sekunde in Österreich, wie oft da das Rotlicht einer Ampel missachtet wird? Hast du irgendeine Ahnung?

Sabine Kaulich: Hm, keine Ahnung.

Christian Kräutler: Pro Sekunde wird in Österreich viermal das Rotlicht einer Ampel missachtet. Das heißt, ich zähle jetzt einmal 21, 22, 23, wir sind jetzt nicht beim Abstand, in der Zeit in der Kurzen wird zwölf Mal über Rotlicht drüber gefahren. Muss man sich vorstellen, wie gefährlich das da draußen is. Und sechs Prozent aller beobachteten Verkehrsteilnehmenden haben eine Kreuzung bei Rot gequert. Besonders heikel ist es, weil es einfach die höchsten Anteile sind bei Radfahrenden oder bei E-Scooterfahrenden. Da ist es sogar so, dass 12 Prozent, also jede achte Fahrt, wird bei Rot gemacht, wird also eine Straße überquert und das Ganze gefolgt von zu Fuß Gehenden. Das sind dann 8 Prozent.

Sabine Kaulich: Sag, Christian, zwei Fragen hätte ich da noch und zwar gibt es bei diesen Übertretungen eigentlich einen Unterschied zwischen den Geschlechtern? Und die zweite Frage. Welcher Altersgruppe gehören denn der oder die typische Rotlichtmissachter*in an?

Christian Kräutler: Ja ich muss leider sagen, da sind wir Männer wieder einmal irgendwie hinten, also es gibt genug, was wir sehr gut können, auf jeden Fall, aber das Rotlicht, das missachten wir halt, da sind wir nicht so top. Also es sind durchwegs Männer, die Rotlicht missachten bei ungefähr fast zwei Drittel und es sind junge Erwachsene, nämlich im Alter so zwischen 19 und sagen wir mal 39 Jahren. Das ist bereits die Hälfte allein in diesem Abschnitt drinnen, die da Rotlicht missachten. Und was auch noch irgendwie wichtig ist, zu Fußgehende ignorieren das rote Ampellicht besonders häufig, nämlich im Umkreis von so öffentlichen Verkehrsstationen oder dann, wenn eben eine geringe Verkehrsfrequenz ist. Wo man denkt, da kommt eh keiner, ich gehe halt einmal über die Straße.

Sabine Kaulich: Ja, ich sehe das sehr kritisch, denn so ein Fehlverhalten geht bei Erwachsenen oft Gott sei Dank ohne negative Konsequenzen aus, aber Kinder nehmen ja Erwachsene sehr oft als Vorbild und da kann es wirklich zu brenzligen Situationen kommen.

Wolfgang Bauer: Ja, die sehr wichtige Vorbildwirkung sollte uns allen bewusst sein, aber eben nicht nur gegenüber Erwachsenen, sondern im Besonderen gegenüber Kindern. Weil die glauben noch an die Erwachsenen, die machen alles richtig. Ich sage immer, wenn man schon eine Übertretung setzen will oder glaubt, setzen zu müssen, dann sollte man sich auch bewusst sein, das mache ich da, da sieht mich vielleicht keiner oder vielleicht nur ein Erwachsener, aber auf keinen Fall vor Kindern.

Christian Kräutler: Jetzt haben wir einerseits natürlich gesprochen über diejenigen, die Vorrangverletzungen machen und es gibt, wie wir gehört, haben sehr, sehr viele Unfälle in dem Zusammenhang, aber es gibt auf der anderen Seite nämlich auch einen kleinen Hoffnungsschimmer, nämlich diejenigen, die eben stehen bleiben, wenn andere Vorrangverletzungen machen und vielleicht deshalb genau einen Unfall vermeiden. Das sind nämlich diejenigen, die auf den Vorrang verzichten, auf den eigenen, und einfach mal stehen bleiben und ich glaube da ist so das Motto, „Give piece a chance“, ja, ein gutes Motto auf der Straße, also wenn Sie sehen, dass irgendwer anderer einfach eine Vorrangverletzung macht, weil es so häufig vorkommt: Nicht einfach auf dem Vorrang beharren, sondern durchaus einmal zurücktreten und sagen, lassen wir ihn halt fahren, damit wir einfach keinen Unfall haben letztendlich.

Wolfgang Bauer: Ja, das Erfolgsprinzip, miteinander statt gegeneinander, sollte auch auf der Straße gelebt werden. Ich bin ja auch Fahrprüfer und fast zu 100 Prozent meiner Abschlussgespräche mit den Kandidatinnen und Kandidaten endet eigentlich damit, dass ich sage: So 70 Prozent ist man beschäftigt auf die Fehler der anderen zu achten und 30 Prozent macht man eh selber auch bewusst oder unbewusst. Und wenn man das wirklich praktiziert, könnten meiner Meinung nach sehr viele Unfälle vermieden werden.

Sabine Kaulich: Also kann man sagen, die drei Rs gelten da, dass man Respekt hat, dass man rücksichtsvoll fährt und die Regelakzeptanz und die Sorgen eben für einen reibungslosen Ablauf auf der Straße.

Wolfgang Bauer: Richtig, Sicherheit ganz, ganz wichtig. Safety first, so sollte es sein.

Christian Kräutler: Kommen wir jetzt noch zu möglichen Gegenmaßnahmen. Was kann man denn eigentlich tun, um Vorrangverletzungen oder eben auch das Rotlicht, die Rotlichtmissachtung in den Griff zu kriegen? Wir vom KFV, wir haben da ein paar Sicherheitsmaßnahmen uns überlegt. Das Eine ist einmal eine verstärkte Bewusstseinsbildung. Da geht es einfach auch darum, dass man sieht, das ist eine Riesengefahr. Haltets euch drauf, konzentriert euch auf die Straße und nicht auf irgendwas anderes. Dann ist das Thema sicherlich die Erhöhung der Strafrahmen und verstärkte Kontrollen. Warum? Weil wir ganz einfach sehen, dass das, was bis jetzt ist, noch zu wenig wirkt. Das sind immer noch zu viele, die dort tatsächlich trotz Strafen eben diese Missachtungen haben. Ja und dann an dritter Stelle gibt es noch die verkehrstechnischen Maßnahmen. Wie zum Beispiel bedarfsorientierte Ampelschaltungen, die eben den Zweck haben, dass die Fußgänger kürzere Wartezeiten haben. Wenn ein Fußgänger hinkommt, schaltet die Ampel früher auf grün und sie brauchen eben nicht bei Rot dann über die Straße gehen. Ja, Herr Hofrat, jetzt habe ich einmal unsere drei vom KFV so vorgeschlagenen Maßnahmen gesagt. Sind Sie da d'accord mit diesen Maßnahmen?

Wolfgang Bauer: Ja, zu 100 Prozent kann ich dazu stimmen. Nämlich diese Mischung aus all diesen Dingen. Es muss in die Köpfe rein. Die Leute müssen wissen, was kann passieren? Wie kann ich es eigentlich vermeiden? Wie kann ich es vielleicht leicht vermeiden? Es gehört aber natürlich dazu, dass die Sünder dann doch herausgefischt werden. Das heißt, erhöhter Strafrahmen, verstärkte Kontrollen. Kontrollen ist das Um und Auf. Es geht nicht immer nur um das Statistik machen und jetzt muss ich so und so viele Anzeigen haben, sondern die Leute sollen sehen, hier wird kontrolliert, ich halte mich dran und vielleicht geht es dann so rein in die Köpfe, auch ohne Kontrolle halte ich mich dran. Und technische Maßnahmen, verkehrstechnische Maßnahmen, ist eine ganz tolle Sache. Ich glaube, da habt ihr das KFV-Team ohnehin einmal so ein Wort dafür vergeben, dass ich psychologisch wahrnehme, in so und so vielen Sekunden wird es wieder grün. Dann neige ich ja doch eher dazu, wenn ich sonst vielleicht ein Sünder bin, mich an das Rotlicht zu halten, weil ich weiß, in ein paar Sekunden geht es eh weiter.

Sabine Kaulich: Herr Hofrat Bauer, gibt es jetzt noch einen abschließenden Appell, den Sie an die Österreicher richten wollen, diesbezüglich?

Wolfgang Bauer: Ja, wie gesagt, ich bin auch Fahrprüfer und diesen Appell richte ich eigentlich an jede Kandidatin und jeden Kandidaten am Ende der Prüfung aus, kommt leider auch vor, dass Kandidaten durchfallen, die kriegen aber auch diese Information von mir: Eben dieses Miteinander, aufpassen, achtsam unterwegs zu sein, weil Andere auch sehr viele Fehler unbewusst und bewusst machen und das könnte ich dann durch mein vorausschauendes Agieren verhindern.

Sabine Kaulich: Herr Hofrat Bauer, vielen Dank für Ihren Besuch bei uns im Studio und für Ihren wertvollen fachlichen Beitrag zu diesen wirklich wichtigen Themen.

Wolfgang Bauer: ] Sehr gerne, danke und auch dem Team weiterhin alles Gute!

Christian Kräutler: Liebe Hörerinnen und Hörer, vielen Dank fürs Dabeisein. Beim nächsten Mal in unserem März-Podcast geht es dann um das Thema Telefonbetrug, eine aktuell extrem grassierende Verbrechensart in vielerlei Varianten. Wie erkennt man die perfiden Tricks? Wie kann man sich vor den verschiedenen Arten von Telefonbetrug schützen? Und was sollte man tun, wenn man leider noch in eine derartige Falle reingetappt ist? Bleiben Sie achtsam, bleiben Sie interessiert, bleiben Sie fair im Verkehr und bleiben Sie uns gewogen.

Catharina Ballan: Sie hörten Sabine Kaulich und Christian Kräutler, zwei erfahrene Präventionsfachleute des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Zu Gast im Studio war Hofrat Mag. Wolfgang Bauer, Leiter des Verkehrsamtes Wien. Mehr Infos zum Thema dieser KFV-Podcast-Episode und zu vielen weiteren wichtigen Sicherheitsthemen finden Sie auf unserer Website kfv.at. Alle KFV-Podcast-Folgen sind unter kfv.at/podcast abrufbar. Abonnieren Sie Sicher ist sicher auf Spotify, Apple und YouTube, sowie auf allen gängigen Podcatcherplattformen und empfehlen Sie unseren Podcast weiter. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Sicher ist sicher, dem Vordenker*innenpodcast des KFV.

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